{"id":372,"date":"2021-07-30T09:49:00","date_gmt":"2021-07-30T07:49:00","guid":{"rendered":"urn:uuid:d5aa674b-36c0-4b79-b645-36ee5576daf4"},"modified":"2021-07-30T09:48:20","modified_gmt":"2021-07-30T07:48:20","slug":"ein-jahr-lohnanalyse-wie-weiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.diversity-inclusion-platform.ch\/en\/ein-jahr-lohnanalyse-wie-weiter\/","title":{"rendered":"Ein Jahr Lohnanalyse &#8211; wie weiter?"},"content":{"rendered":"\n<p><em><strong>Verdienen Frauen in der Schweiz gleich hohe L\u00f6hne wie ihre m\u00e4nnlichen Kollegen in vergleichbaren Positionen und Qualifikationen? Nationale Statistiken sagen: Nein. Ihre interne Unternehmensstatistik zeigt aber unter Umst\u00e4nden ein anderes, weniger diskriminiertes Bild. Wie kann das sein und was ist bei der Interpretation dieser Statistiken zu beachten?<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n\n<p>Knapp ein Jahr nach Einf\u00fchrung des neuen\nGleichstellungsgesetz haben wir rund 120\u2019000 Personaldaten analysiert. Die\nErgebnisse m\u00f6gen auf den ersten Blick erstaunen, besonders im Vergleich zu\nZahlen, die oft in den Medien publiziert sind. <\/p>\n\n\n\n\n<p>Viele der von uns untersuchten Unternehmen (97%) weisen gute\nbis sehr gute Ergebnisse aus \u2013 das heisst: Entweder fallen sie unter die vom\nBund verwendete Toleranzschwelle von 5% unerkl\u00e4rtem Lohnunterschied, oder sie\nhaben sogar keinen nachweisbar unerkl\u00e4rten Lohnunterschied zwischen M\u00e4nnern und\nFrauen.<\/p>\n\n\n\n\n<p>Soweit, so gut.<\/p>\n\n\n\n\n<p>Die Resultate der Lohnstrukturerhebung (LSE) 2018 zeigen\neine leicht h\u00f6here Differenz: In der Schweiz herrscht ein unerkl\u00e4rter\nLohnunterschied zuungunsten der Frauen von 8.1%<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>. Woher\nkommt der hohe Wert, wenn doch die meisten Unternehmen die Toleranzschwelle von\n5% einhalten? (\u00dcbrigens ist das nicht eine \u00abDiskriminierungstoleranz\u00bb, sondern\nmehr eine \u00abFehlertoleranz\u00bb, da die Analysen ja auf Modellen basieren, die erstens\nnicht die gesamte Realit\u00e4t widerspiegeln k\u00f6nnen und zweitens &nbsp;statistische Unsicherheiten miteinberechnen\nm\u00fcssen)<\/p>\n\n\n\n\n<p>Die einfache Antwort: Die beiden Zahlen sind nicht direkt\nmiteinander vergleichbar. Aber was macht den Unterschied aus? Es gibt zwei\ngrosse Unterschiede, die die Ergebnisse der Schweiz (aus der LSE) mit einzelnen\nResultaten aus Logib unvergleichbar machen.<\/p>\n\n\n\n\n<p><strong>Unterschied 1<\/strong><\/p>\n\n\n\n\n<p>In der LSE werden alle Unternehmen geb\u00fcndelt, das heisst,\nalle untersuchten Personen in der Schweiz, die z. B. im unteren Kader\neingestuft sind und ansonsten auch vergleichbare Merkmale aufweisen, werden\nmiteinander verglichen. Im unteren Kader eingestuft sein heisst aber nicht bei\nallen Unternehmen das Gleiche. Damit werden also Personen in einen Topf\ngeworfen, die tats\u00e4chlich total unterschiedliche Aufgaben haben und damit auch\nverschiedene L\u00f6hne aufweisen. <\/p>\n\n\n\n\n<p>Ist das problematisch? Grunds\u00e4tzlich nicht, solange Frauen\nund M\u00e4nner gleichm\u00e4ssig betroffen sind. Stellen wir uns vor, Firma A hat 10\nM\u00e4nner im unteren Kader angestellt, w\u00e4hrend Firma B 10 Frauen im unteren Kader\nangestellt hat. In Firma A haben Mitarbeitende im unteren Kader Verantwortung\n\u00fcber grosse Teams von bis zu 50 Personen, w\u00e4hrend in Firma B die\nTeamverantwortung im unteren Kader sehr tief ist. Wenn Firma A einen\ndurchschnittlich h\u00f6heren Lohn an Mitarbeitende im unteren Kader ausbezahlt,\nsieht es so aus, als ob es einen unerkl\u00e4rten Lohnunterschied zwischen Frauen\nund M\u00e4nnern g\u00e4be. W\u00e4ren sowohl in Firma A als auch in Firma B jeweils 5 Frauen\nund 5 M\u00e4nner im unteren Kader, dann w\u00e4re dieser Lohnunterschied nicht auf das\nGeschlecht zur\u00fcckzuf\u00fchren, im Durchschnitt g\u00e4be es zwischen Frauen und M\u00e4nnern\ngar keinen Lohnunterschied. <\/p>\n\n\n\n\n<p>\u00dcber- oder untersch\u00e4tzen die nationalen Erhebungen durch\ndiese B\u00fcndelung der Unternehmen die unerkl\u00e4rte Lohnungleichheit? Das kann\npauschal nicht beantwortet werden. Es kommt immer auf die Zusammensetzung der\nMitarbeitenden in den Unternehmen an.<\/p>\n\n\n\n\n<p>Aus Gleichstellungs-Sicht sind hier folgenden \u00dcberlegungen wichtig: Wenn in M\u00e4nner dominierten Branchen und Funktionen tendenziell h\u00f6here L\u00f6hne bezahlt werden als in Frauen dominierten, dann erh\u00f6hen sich in einer gesamtschweizerischen Betrachtung auf Basis der LSE die unerkl\u00e4rbaren Lohnunterschiede \u2013 und das zurecht.<\/p>\n\n\n\n\n<p><strong>Unterschied 2<\/strong><\/p>\n\n\n\n\n<p>Die Komplexit\u00e4t einer Funktion wird im Logib anders als in\nder LSE erfasst. In der LSE wird ein internationaler Standard (ISCO-08)\nverwendet, um anhand der Berufsbezeichnung das Kompetenzniveau einer T\u00e4tigkeit\nzu ermitteln. Im Logib hat das Unternehmen hingegen einen gr\u00f6sseren Spielraum:\ndie Komplexit\u00e4t wird anhand des sogenannten \u00abbetrieblichen Kompetenzniveaus\u00bb\nermittelt. Obwohl dieses betriebliche Kompetenzniveau im Logib viele\n\u00c4hnlichkeiten zum Kompetenzniveau der LSE hat, unterscheidet es sich darin,\ndass das Unternehmen mehr Flexibilit\u00e4t hat, die Komplexit\u00e4t der Funktionen\nrelativ zur Komplexit\u00e4t der anderen Funktionen im Unternehmen einzustufen. Dies\nerm\u00f6glicht eine bessere Darstellung der betrieblichen Realit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n\n<p>Welche Methode ist ad\u00e4quater? F\u00fcr die Unternehmenssicht ist\nklar Logib zu bevorzugen. Logib ist pr\u00e4ziser in der Art, wie Mitarbeitende\ninnerhalb eines Unternehmens verglichen werden k\u00f6nnen. Wollen wir aber L\u00f6hne in\nder ganzen Schweiz vergleichen, macht die Standard-Klassifizierung der LSE\nanhand der Berufsbezeichnung mehr Sinn.<\/p>\n\n\n\n\n<p>Die Methode, wie Funktionen anhand ihrer Komplexit\u00e4t eingeteilt werden, kann tats\u00e4chlich einen grossen Unterschied im Resultat (unerkl\u00e4rter Lohnunterschied) machen, zumal das betriebliche Kompetenzniveau neben der beruflichen Stellung eines der wichtigsten Merkmale ist, die L\u00f6hne beeinflussen. Aus Gleichstellungs-Sicht sollten Sie in Ihrem Unternehmen daher erstens die jeweiligen Einstufungen in Bezug auf das betriebliche Kompetenzniveau und die berufliche Stellung sehr sorgf\u00e4ltig vornehmen und von Zeit zu Zeit \u00fcberpr\u00fcfen. Zweitens bedeutet eine Differenz von unter 5% im Rahmen einer Logib-Analyse nicht, dass in Ihrem Unternehmen keine Lohndiskriminierungen passieren. Das k\u00f6nnen nur weitere vertiefte Lohnanalysen ans Tageslicht bringen.  <br><\/p>\n\n\n\n\n<p><em>Erkl\u00e4rung:<br>Die Lohnstrukturerhebung des Bundesamts f\u00fcr Statistik zeigt, dass Frauen in der Schweiz im Durchschnitt 19% weniger verdienen als M\u00e4nner. &nbsp;Davon ist ein grosser Teil erkl\u00e4rbar (und damit nicht unbegr\u00fcndet). Unerkl\u00e4rt (und damit potenziell unbegr\u00fcndet, also diskriminierend) ist ein Unterschied von 8.1%<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a>. <\/em><br><\/p>\n\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a>\nSiehe https:\/\/www.ebg.admin.ch\/ebg\/de\/home\/themen\/arbeit\/lohngleichheit\/grundlagen\/zahlen-und-fakten.html<\/p>\n\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verdienen Frauen in der Schweiz gleich hohe L\u00f6hne wie ihre m\u00e4nnlichen Kollegen in vergleichbaren Positionen und Qualifikationen? Nationale Statistiken sagen: Nein. 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